Herr Moosdorf, eine ketzerische Frage zum Einstieg: Braucht es heute überhaupt noch Kultur oder ist diese nicht viel mehr ein optionales Freizeitvergnügen?
Moosdorf:
Wenn wir unter Kultur lediglich das verstehen, was am Freitagabend auf einer Bühne stattfindet, könnte man sie tatsächlich für ein Freizeitangebot neben vielen anderen halten. Das wäre jedoch ein fundamentaler Irrtum. Kultur ist kein Luxus und kein Ornament politischer Programme. Sie ist die Form, in der sich ein Gemeinwesen seiner selbst vergewissert: In ihr verdichten sich Erfahrung, Erinnerung, Maßstäbe und Erwartungen. Sie ist das langsame, oft widersprüchliche Gespräch der Lebenden mit den Toten und den noch Ungeborenen. Selbst derjenige, der nie ein Theater oder ein Museum betritt, lebt in kulturell geprägten Räumen, benutzt eine über Jahrhunderte gewachsene Sprache und urteilt nach Maßstäben, die nicht vom Himmel gefallen sind.
Gerade eine hochentwickelte Zivilisation lebt von Voraussetzungen, die sich nicht in Geld ausdrücken lassen. Vertrauen, Verantwortungsgefühl, Schönheitssinn, historische Erinnerung, die Fähigkeit zur Konzentration und zur Unterscheidung – all dies wird kulturell vermittelt. Kultur ist deshalb kein Luxus, der erst dann an die Reihe kommt, wenn alle vermeintlich wichtigeren Aufgaben erledigt sind. Sie gehört zu den Bedingungen, unter denen eine Gesellschaft überhaupt dauerhaft politisch, wirtschaftlich und sozial handlungsfähig bleibt. Wo kulturelle Bindungen verschwinden, muß der Staat immer mehr durch Vorschriften und Kontrolle ersetzen, was früher durch Haltung, Sitte und Selbstverständlichkeit getragen wurde.
Als Musiker habe ich außerdem erfahren, daß Kunst den Menschen nicht bloß unterhält. Ein Werk von Bach, Beethoven oder Schubert führt uns in eine Ordnung, die größer ist als unsere momentane Befindlichkeit. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich an etwas zu bilden, das man nicht selbst erfunden hat. In der alten Formel von der cultura animi, der Pflege des Geistes, steckt mehr Wahrheit als in unserem heutigen, bis zur Beliebigkeit erweiterten Kulturbegriff. Kultur ist also nicht das Sahnehäubchen auf der Gesellschaft. Sie ist ihr Gedächtnis, ihre innere Form und – wenn sie lebendig ist – auch ihr Zukunftssinn. Die goldene Schallplatte der Voyager trägt Bach in den interstellaren Raum. Das ist mehr als eine hübsche Anekdote: Es ist das Bekenntnis einer Zivilisation, daß der Mensch sich nicht durch Technik allein, sondern durch Sinn definiert.
Kunstschaffende kritisieren immer wieder den Abbau staatlicher Kulturunterstützung. Findet aus Ihrer Sicht eine Erosion unseres heimischen Kulturbetriebs statt?
Moosdorf:
Ja, eine Erosion ist deutlich zu erkennen, allerdings besteht sie nicht nur in gekürzten Etats. Die Zeiten knapper Kassen haben längst begonnen. Wenn Wirtschaftsleistung und Steuereinnahmen sinken, wird auch der Verteilungskampf um öffentliche Kulturmittel härter. Gerade dann muß Kulturpolitik entscheiden, was bewahrenswert ist und was staatliche Förderung verdient. Geld ist wichtig: Orchester, Theater, Museen, Bibliotheken und die Pflege des kulturellen Erbes lassen sich nicht ohne verläßliche Strukturen erhalten. Besonders außerhalb der großen Metropolen sind kulturelle Einrichtungen häufig die letzten öffentlichen Orte, an denen eine Stadt oder Region sich als geschichtliche Gemeinschaft erlebt. Werden sie ausgedünnt, verliert man nicht lediglich einige Veranstaltungen, sondern kulturelle Infrastruktur, gewachsene Ensembles, handwerkliches Wissen und Publikum. Was einmal zerstört ist, läßt sich später nicht auf Knopfdruck wiederherstellen.
Mindestens ebenso bedenklich ist aber die qualitative Erosion. Ein Kulturbetrieb kann finanziell wachsen und geistig dennoch verarmen. Wenn Förderentscheidungen immer stärker nach politischen Schlagworten, modischen Bekenntnissen und der korrekten Repräsentation vorgegebener Identitäten getroffen werden, geraten Werk, Können und Wahrheitsanspruch in den Hintergrund. Dann wird nicht Kultur gefördert, sondern ein bestimmtes Milieu alimentiert. Die Institutionen bleiben äußerlich bestehen, verlieren jedoch ihren inneren Auftrag. Ein Theater ist nicht dadurch lebendig, daß es einen hohen Etat hat, sondern dadurch, daß es große Texte, überzeugende Darsteller, ernsthafte Regiearbeit und ein urteilsfähiges Publikum zusammenbringt.
Wir erleben also eine doppelte Krise: Einerseits geraten viele Einrichtungen durch knappe kommunale Haushalte, steigende Kosten und kurzfristige Projektfinanzierung unter Druck. Andererseits wird das vorhandene Geld häufig ideologisch gelenkt und bürokratisch gebunden. Dagegen muß Kulturpolitik zweierlei tun: Sie muß das kulturelle Erbe und die tragenden Institutionen verläßlich sichern, und sie muß zugleich wieder stärker auf Qualität, handwerkliche Meisterschaft, Publikumsbezug und wirkliche Vielfalt achten. Die Subventionierung der musikalischen Hochkultur und des klassischen Theaters ist für mich keine Luxusausgabe, sondern eine staatliche Kernaufgabe. Ohne sie würden Opernhäuser und Konzertsäle entweder verschwinden oder zu exklusiven Orten für Wohlhabende werden. Nicht jede Kürzung ist ein Kulturkampf; aber nicht jede Subvention ist bereits Kulturpflege. Entscheidend ist, ob wir das kulturelle Vermögen des Landes an die nächste Generation weitergeben oder es sowohl materiell als auch geistig verbrauchen.
Wo sehen Sie die Grenze zwischen staatlicher Förderung und staatlicher Einflußnahme?
Moosdorf:
Staatliche Förderung ist legitim und in vielen Bereichen unverzichtbar, weil bedeutende kulturelle Leistungen nicht ausschließlich nach den Gesetzen des kurzfristigen Markterfolgs entstehen können. Ein Symphonieorchester, ein anspruchsvolles Sprechtheater, ein Archiv oder die Pflege eines Baudenkmals tragen einen Wert, der sich nicht vollständig an Eintrittseinnahmen messen läßt. Der Staat handelt hier treuhänderisch: Er bewahrt ein gemeinsames Erbe und ermöglicht Räume, in denen Neues auf hohem Niveau entstehen kann.
Die Grenze wird dort überschritten, wo Förderung an weltanschauliche Gefolgschaft gebunden wird. Wenn Künstler und Institutionen den Eindruck gewinnen müssen, ein bestimmtes Vokabular zu verwenden, politische Kampagnen mitzutragen oder sich von mißliebigen Positionen öffentlich zu distanzieren, verwandelt sich Kulturförderung in Gesinnungslenkung. Das Problem besteht nicht erst in offener Zensur. Viel wirksamer ist häufig die vorauseilende Anpassung: Man weiß, welche Themen, Personen und ästhetischen Formen in Jurys gut ankommen, und richtet Anträge und Programme danach aus. So entsteht ein weiches, aber engmaschiges System der Konformität.
Deshalb brauchen wir transparente Kriterien, plural zusammengesetzte und regelmäßig wechselnde Jurys, nachvollziehbare Entscheidungen sowie eine klare Trennung zwischen künstlerischer Qualität und politischer Erwünschtheit. Vor allem müssen Bürger in diese Entscheidungen zurückkehren. Das sächsische Kulturraumgesetz zeigt mit seinen Kulturbeiräten und der regionalen Mitverantwortung einen Weg: Künstler, Fachleute, kommunale Vertreter und Bürger können gemeinsam darüber beraten, was ihrem Kulturraum dient. Öffentliche Mittel dürfen keinen Anspruch auf Beifall für die Regierung begründen. Umgekehrt darf Kunstfreiheit nicht mit einem automatischen Anspruch auf dauerhafte Finanzierung jeder beliebigen Produktion verwechselt werden. Freiheit bedeutet, daß ein Werk grundsätzlich geschaffen und gezeigt werden darf; Förderung bedeutet eine politische und kulturelle Auswahlentscheidung, die gegenüber dem Steuerzahler begründet werden muß.
Mein Grundsatz lautet daher: Der Staat soll Voraussetzungen schaffen, Überlieferung schützen und Exzellenz ermöglichen, aber keine ästhetische oder politische Orthodoxie produzieren. Öffentliche, steuerfinanzierte Kulturstätten haben sich überparteilich zu verhalten. Ein privates Theater kann täglich politische Resolutionen veröffentlichen; ein aus den Abgaben aller Bürger getragenes Haus darf sich nicht in eine Propagandastätte gegen einen erheblichen Teil dieser Bürger verwandeln. Je größer die finanzielle Bedeutung des Staates für den Kulturbetrieb ist, desto strenger muß seine weltanschauliche Zurückhaltung sein.
Warum ist Kultur innerhalb der politischen Sphäre so hart umkämpft?
Moosdorf:
Kultur ist so hart umkämpft, weil politische Herrschaft nie allein auf Gesetzen und Mehrheiten beruht. Dauerhafte Macht entsteht dort, wo eine Gesellschaft bestimmte Begriffe, Bilder und moralische Wertungen für selbstverständlich hält. Wer bestimmt, was als fortschrittlich, rückständig, sagbar, unsagbar, vorbildlich oder beschämend gilt, prägt den vorpolitischen Raum, aus dem später politische Entscheidungen hervorgehen. Deshalb ist Kultur nicht ein Nebenschauplatz der Politik; sie ist ihr tieferer Resonanzraum.
Das bedeutet nicht, daß jedes Kunstwerk eine verschlüsselte Parteibotschaft wäre. Im Gegenteil: Große Kunst entzieht sich gerade der eindimensionalen politischen Verwertung. Aber Theater, Film, Literatur, Musikvermittlung, Museen und Medien formen Wahrnehmungsweisen. Sie entscheiden mit darüber, welche Geschichten ein Volk über sich selbst erzählt, ob es seine Vergangenheit ausschließlich als Schuldkomplex oder auch als Quelle von Leistung und Verpflichtung begreift, ob Heimat als legitime Bindung oder als Verdachtsmoment erscheint und ob das Eigene überhaupt noch mit Sympathie dargestellt werden darf.
Der Kampf wird besonders scharf, wenn eine kulturelle Hegemonie unsicher wird. Solange ein Milieu seine Wertungen für schlechthin selbstverständlich hält, bezeichnet es sie nicht als Ideologie. Erst wenn Widerspruch auftritt, werden Institutionen, Fördermittel und moralische Ausschlußmechanismen sichtbar verteidigt. Genau das erleben wir gegenwärtig. Wer andere kulturpolitische Akzente setzt, wird nicht einfach als Mitbewerber behandelt, sondern oft als Gefahr für die Kultur selbst.
Eine demokratische Antwort darauf darf nicht in einer spiegelbildlichen Gleichschaltung bestehen. Wir brauchen keine neue Parteikunst. Wir brauchen die Öffnung eines verengten Raumes: mehr ästhetische und geistige Konkurrenz, mehr historische Tiefe, mehr Vertrauen in das Urteil des Publikums und den Mut, auch das Eigene wieder ernst zu nehmen. Kulturpolitik ist dann erfolgreich, wenn sie nicht eine Meinung verordnet, sondern die Voraussetzungen für eine anspruchsvolle, vielstimmige und selbstbewußte Kultur schafft.
Welche Rolle spielen Kunst und kulturelle Bildung für die Freiheit des Individuums?
Moosdorf:
Kunst und kulturelle Bildung erweitern die innere Freiheit des Menschen. Frei ist nicht schon, wer zwischen möglichst vielen Produkten wählen kann oder jede spontane Regung ausleben darf. Freiheit setzt Urteilskraft voraus: die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, sich nicht vom ersten Eindruck beherrschen zu lassen, eine fremde Perspektive auszuhalten und das eigene Empfinden an einem Gegenstand zu prüfen. Genau diese Fähigkeiten werden im ernsthaften Umgang mit Kunst eingeübt.
Wer ein Instrument lernt, erfährt sehr konkret, daß Freiheit und Form keine Gegensätze sind. Erst die Beherrschung von Technik, Stil und musikalischer Sprache ermöglicht einen wirklich persönlichen Ausdruck. Ohne Können bleibt vermeintliche Spontaneität häufig bloße Willkür. Dasselbe gilt für Literatur, bildende Kunst oder Theater: Die Begegnung mit bedeutenden Werken vergrößert den eigenen Erfahrungsraum. Man lernt Menschen, Konflikte und Zeiten kennen, die außerhalb des eigenen unmittelbaren Lebens liegen. Das schützt vor Provinzialismus, aber auch vor Manipulation.
Kulturelle Bildung stiftet außerdem sprachliche Freiheit. Wer über einen reichen Wortschatz, historische Kenntnisse und ästhetische Vergleichsmöglichkeiten verfügt, ist weniger abhängig von den Parolen des Tages. Er kann benennen, was er wahrnimmt, und muß nicht jedes vorgefertigte Deutungsmuster übernehmen. Darin liegt ein genuin demokratisches Moment. Der mündige Bürger braucht nicht nur Informationen; er braucht Maßstäbe.
Deshalb halte ich es für verhängnisvoll, kulturelle Bildung als verzichtbares Zusatzfach zu behandeln. Musik, Literatur, Geschichte und Kunst gehören ins Zentrum der Bildung. Nicht jeder Schüler muß Berufsmusiker oder Kunsthistoriker werden. Aber jeder junge Mensch sollte die Chance erhalten, jene Schätze kennenzulernen, die seine Zivilisation hervorgebracht hat. Das ist keine soziale Auslese, sondern das Gegenteil: Erst eine starke öffentliche Bildung verhindert, daß der Zugang zur Hochkultur allein vom Elternhaus und vom Einkommen abhängt.
Der überwiegend linke Kulturbetrieb in der Bundesrepublik Deutschland wirkt häufig so, als würden sich dessen Akteure vor allem gegenseitig bestätigen und versuchen, bei ihrer Arbeit in den engen moralischen Leitplanken Ihrer Blase zu bleiben, anstatt freie Kunst zu betreiben, die nach freiem Austausch und nicht zuletzt auch handwerklicher Verbesserung strebt. Würden Sie das unterstreichen?
Moosdorf:
Im Kern ja – wobei man unterscheiden muß. Es gibt selbstverständlich zahlreiche ernsthafte Künstler, Dramaturgen, Musiker, Autoren und Kuratoren, die auch unter schwierigen Bedingungen um Qualität ringen. Eine pauschale Verachtung des gesamten Kulturbetriebs wäre ebenso ungerecht wie unklug. Das strukturelle Problem liegt vielmehr darin, daß ein relativ geschlossenes Milieu die Zugänge, Förderungen, Rezensionen und Karrieren prägt. Wenn fast alle Beteiligten ähnliche politische und moralische Voraussetzungen teilen, halten sie ihre Übereinstimmung leicht für den Stand der Vernunft selbst.
So entsteht ein Betrieb der gegenseitigen Bestätigung. Der erwartbare Regelverstoß wird inszeniert, erhält aber gerade deshalb Beifall, weil er innerhalb der Blase vollkommen risikolos ist. Man provoziert vorzugsweise jene, die in den Institutionen kaum vertreten sind, und bestätigt gleichzeitig die Überzeugungen derjenigen, die über Geld, Einladungen und mediale Aufmerksamkeit entscheiden. Norbert Bolz hat dafür den treffenden Ausdruck vom „Konformismus des Andersseins“ geprägt. Das ist keine wirkliche Avantgarde, sondern vielfach subventionierter Konformismus mit rebellischer Selbstdarstellung.
Besonders schädlich ist, daß die moralische Absicht zunehmend als Ersatz für das Werk gilt. Eine politisch korrekte Botschaft entschuldigt keine schwache Komposition, keinen schlecht gebauten Roman und keine handwerklich dürftige Inszenierung. Kunst braucht Formwillen, Kenntnis der Tradition, Selbstkritik und die Bereitschaft zur Verbesserung. Wer jede Qualitätskritik als Angriff auf Identität oder Haltung abwehrt, nimmt Künstler letztlich nicht ernst.
Ein freier Kulturbetrieb müßte deshalb tatsächliche Abweichung zulassen – auch konservative, patriotische, religiöse oder tragische Sichtweisen. Er müßte Konflikte austragen, ohne Personen sozial zu vernichten. Und er müßte wieder über das Gelingen eines Werkes sprechen: über Sprache, Komposition, Darstellung, Proportion, Wahrhaftigkeit und Wirkung. Die entscheidende Alternative lautet nicht »linke« gegen »rechte« Propaganda, sondern offener geistiger Wettbewerb und künstlerische Substanz gegen ein geschlossenes System moralischer Selbstbestätigung.
Kann sich Kultur in den falschen Händen gegen ihre eigentlichen Adressaten, also das Volk, wenden?
Moosdorf:
Ja, Kultur kann sich gegen das Volk wenden, wenn Institutionen, die aus seiner Geschichte hervorgegangen sind und von ihm finanziert werden, dieses Volk nur noch als Objekt der Belehrung, Beschämung oder Dekonstruktion behandeln. Die zugespitzte Frage lautet: Wem gehört das Theater – dem Bürger oder seinen Erziehern? Kultur verliert ihren vermittelnden Charakter, wenn sie nicht mehr mit den Menschen, sondern nur noch über sie spricht, und zwar in einem Ton demonstrativer moralischer Überlegenheit. Das Publikum soll dann nicht mehr erkennen, erleben und urteilen, sondern eine vorgefertigte Botschaft entgegennehmen.
Dabei ist »Volk« für mich keine gleichförmige Masse und auch kein Publikum, dem man nur gefällige Unterhaltung vorsetzen dürfte. Ein Volk ist eine geschichtlich gewachsene Gemeinschaft mit inneren Unterschieden, regionalen Prägungen, sozialen Gegensätzen und gemeinsamen Erinnerungen. Große Kunst darf diese Gemeinschaft herausfordern, ihre dunklen Seiten zeigen und schmerzhafte Fragen stellen. Sie muß nicht schmeicheln. Aber zwischen Kritik und Verachtung besteht ein entscheidender Unterschied. Kritik nimmt ihren Adressaten als verantwortungsfähiges Gegenüber ernst; Verachtung bestreitet ihm Würde, Stimme und Zugehörigkeit.
Problematisch wird es auch, wenn Kulturpolitik das eigene Publikum faktisch austauschen möchte: wenn mangelndes Interesse nicht mehr als Anlaß zur Selbstprüfung dient, sondern als Beweis für die Rückständigkeit der Menschen. Eine öffentlich getragene Einrichtung hat keinen Anspruch darauf, von ihren Bürgern unabhängig zu sein. Sie soll nicht jedem Geschmack hinterherlaufen, muß aber die Beziehung zu der Gesellschaft pflegen, die sie ermöglicht. Entideologisierung bedeutet dabei nicht Entpolitisierung. Theater war immer politisch und aufklärerisch. Es darf nur nicht zur einseitigen parteipolitischen Erziehungsanstalt werden.
Kultur gehört nicht einer Funktionärsschicht, nicht den Fördergremien und auch nicht einer Partei. Sie ist ein generationenübergreifender Zusammenhang zwischen Künstlern, Werken und Öffentlichkeit. Wo dieser Zusammenhang abreißt, entsteht kulturelle Herrschaft ohne kulturelle Legitimität. Die Antwort darauf ist nicht Zensur, sondern Rückbindung: offene Häuser, ernsthafte Bildung, regionale Verwurzelung, Respekt vor dem Publikum und ein Kanon, der nicht starr ist, aber weiß, woher wir kommen.
Wo verläuft die Grenze zwischen Kunstfreiheit und Subversion, bzw. „permanenter Negation“, wie Sie es nennen?
Moosdorf:
Kunstfreiheit muß sehr weit reichen. Kunst darf beleidigen, verstören, religiöse, nationale und gesellschaftliche Gewißheiten in Frage stellen und auch radikale Gegenbilder entwerfen. Eine freie Gesellschaft muß das aushalten. Der Staat darf nicht zum Geschmacksrichter werden, und schon gar nicht darf die jeweils regierende Mehrheit bestimmen, welche ästhetischen Aussagen zulässig sind. Die rechtliche Grenze liegt dort, wo auch für andere Ausdrucksformen Grenzen bestehen – etwa bei konkreten Straftaten und der Verletzung der Rechte anderer –, nicht dort, wo ein Werk bloß Anstoß erregt. Kunstfreiheit schützt allerdings zunächst vor staatlicher Unterdrückung; sie garantiert weder öffentliche Finanzierung noch ein bestimmtes Publikum.
Mit »permanenter Negation« bezeichne ich daher nicht etwas, das verboten werden sollte, sondern eine kulturelle Fehlentwicklung, die kritisiert werden muß. Kritik ist ein unverzichtbarer Teil der Kunst. Wenn Negation jedoch zum einzigen anerkannten Verfahren wird, verengt sie den Blick. Dann gilt das Überlieferte nur noch als Material der Demontage, Bindung nur als Unterdrückung, Schönheit als Verdacht und das Eigene als etwas, das grundsätzlich entlarvt werden müsse. Eine solche Routine kann sich weiterhin avantgardistisch nennen, ist aber längst vorhersehbar geworden.
Subversion ist ebenfalls kein hinreichendes staatliches Verbotskriterium. In der Geschichte haben subversive Werke wichtige Wahrheiten sichtbar gemacht. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Freiheit und Förderung sowie zwischen Rechtsurteil und Kulturkritik. Ein Werk darf frei sein, ohne daß daraus ein Anspruch auf staatliche Finanzierung, eine Bühne oder zustimmende Kritik folgt. Die Öffentlichkeit darf – und muß – fragen, warum Institutionen bestimmte Formen der Negation seit Jahrzehnten bevorzugen und andere Weltzugänge ausschließen. Läuft eine öffentlich finanzierte Kulturpraxis erkennbar auf die Verächtlichmachung der eigenen kulturellen Grundlagen oder die parteipolitische Bekämpfung eines Teils der Steuerzahler hinaus, ist die Überprüfung und gegebenenfalls die Beendigung dieser Förderung kein Angriff auf die Kunstfreiheit.
Mein Ziel ist also keine administrative Grenzziehung gegen unliebsame Kunst. Ich plädiere für eine Wiedergewinnung des ganzen ästhetischen Spektrums. Neben Kritik muß es Bejahung geben dürfen, neben Bruch Kontinuität, neben Dekonstruktion Gestalt, neben dem Häßlichen Schönheit und neben dem universalen Anspruch die konkrete Bindung an Herkunft und Heimat. Kunstfreiheit wird nicht kleiner, wenn diese Möglichkeiten zurückkehren – sie wird größer.
Ohne den Ausführungen Ihres Werkes zu stark vorweg greifen zu wollen: Worin besteht der genuin rechte Zugang zur Kultur?
Moosdorf:
Ein genuin rechter Zugang beginnt nicht mit Parteiparolen, sondern mit der Einsicht, daß Kultur ihrem Wesen nach ordnend und bewahrend ist. Sie lebt nicht aus permanenter Negation, sondern aus Überlieferung, Form und Maß. In diesem strukturellen, ästhetischen Sinn steht Kultur dem Konservativen näher – nicht weil sie stillstehen soll, sondern weil jede wirkliche Erneuerung etwas voraussetzt, das erneuert werden kann. Niemand fängt bei Null an. Wir werden in eine Sprache, eine Geschichte, eine Landschaft und ein Geflecht von Überlieferungen hineingeboren. Diese Vorgegebenheiten sind nicht bloß Fesseln; sie sind die Bedingungen, unter denen Persönlichkeit, Urteil und schöpferische Eigenart überhaupt entstehen können.
Er richtet sich deshalb gegen die Illusion grenzenloser Machbarkeit. Kultur ist organisch gewachsen, vielschichtig und häufig widersprüchlich. Man kann sie pflegen, erneuern und weiterentwickeln, aber nicht folgenlos nach abstrakten Plänen umkonstruieren. Dazu gehört Ehrfurcht vor dem, was frühere Generationen geschaffen haben, ebenso wie die Verpflichtung, dieses Erbe nicht museal einzufrieren. Tradition ist keine Asche, die man bewacht, sondern eine Form, in der eine lebendige Flamme weitergegeben wird.
Ein rechter Zugang rehabilitiert zudem Begriffe wie Maß, Rang, Form, Schönheit und Meisterschaft. Er behauptet, daß nicht alles gleich gelungen und nicht jede spontane Äußerung schon Kunst ist. Solche Unterscheidungen sind heute verdächtig geworden, weil man Hierarchie sofort mit sozialer Herabsetzung verwechselt. Aber ein Qualitätsurteil über ein Werk ist kein Urteil über den Wert eines Menschen. Im Gegenteil: Wer jedem Menschen den Zugang zum Besten eröffnen will, muß überhaupt sagen können, was er für bedeutend hält.
Schließlich gehört die Spannung zwischen dem Eigenen und dem Fremden dazu. Nur wer irgendwo beheimatet ist, kann dem Fremden wirklich begegnen; andernfalls trifft bloß Austauschbarkeit auf Austauschbarkeit. Ein rechter Kulturbegriff ist daher weder chauvinistisch noch provinziell. Er achtet andere Kulturen gerade deshalb, weil er kulturelle Verschiedenheit ernst nimmt. Kultur lebt aus Bindung, nicht aus Entgrenzung. Deshalb plädiere ich zusätzlich für einen „schützenden Kulturbegriff“: für Mindeststandards und Förderkriterien, die unser kulturelles Erbe, unsere Sprache und unsere gemeinsamen Mythen, Symbole und Formen erhalten und Künstler dazu einladen, das Lokale, Regionale und Nationale mit neuem Leben zu erfüllen. Das ist keine staatlich verordnete „rechte Kunst“, sondern die Wiederöffnung eines Raumes, in dem Herkunft, Religion, Tragik, Schönheit und geschichtliche Kontinuität ohne Rechtfertigungszwang zur Sprache kommen dürfen.
Wie prägt Ihre persönliche Verwurzelung im kulturellen Leben Ihre politische Arbeit?
Moosdorf:
Meine politische Arbeit wäre ohne meine jahrzehntelange Tätigkeit als Musiker kaum denkbar. Mehr als drei Jahrzehnte habe ich im Innersten jener Welt gelebt, die wir Kultur nennen. Ich habe in mehr als sechzig Ländern fast 3.500 Konzerte gespielt, unter anderem mit dem Leipziger Streichquartett, im Ensemble Avantgarde und im Leipziger Kammerorchester, und über viele Jahre gelehrt. Das hat mir Erfahrungen vermittelt, die weit über das Musikleben hinausreichen. Wer in einem Streichquartett arbeitet, lernt eine besondere Form von Freiheit: Vier ausgeprägte Persönlichkeiten müssen ihre Stimmen behaupten und zugleich eine gemeinsame Gestalt hervorbringen. Niemand kann dauerhaft dominieren, niemand kann sich der Verantwortung entziehen. Zuhören, Widersprechen, Reagieren, Führen und Zurücktreten gehören untrennbar zusammen. Das ist auch eine politische Schule.
Musik schärft außerdem den Sinn für Verhältnis und Maß. Eine einzelne Stimme kann für sich korrekt sein und im Ganzen dennoch falsch wirken. Tempo, Artikulation, Klang und Spannung müssen auf eine übergeordnete Form bezogen werden. In der Politik fehlt mir diese Fähigkeit häufig: Man verwaltet Einzelmaßnahmen, ohne noch nach dem Zusammenhang, der Richtung und dem kulturellen Grundton des Landes zu fragen. Meine musikalische Erfahrung macht mich deshalb mißtrauisch gegenüber kurzfristigem Aktionismus und bloßer Wirkungspolitik.
Hinzu kommt meine Prägung durch Leipzig und durch die Erfahrung zweier politischer Systeme. Ich habe gelernt, wie wichtig unabhängige Räume, gewachsene Institutionen und eine Sprache sind, die nicht vollständig von der offiziellen Ideologie besetzt wird. Ebenso hat mich die weltweite Konzert- und Lehrtätigkeit gelehrt, daß internationale Offenheit und feste Herkunft keine Gegensätze bilden. Man begegnet anderen Kulturen um so aufmerksamer, je sicherer man in der eigenen steht.
Im Bundestag und insbesondere in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik verstehe ich Kultur daher nicht als dekorative Begleitung von Außenpolitik. Sie schafft langfristige Beziehungen, oft dort, wo Diplomatie an Grenzen stößt. Zugleich darf sie nicht zum moralischen Belehrungsinstrument werden. Geopolitik beginnt im Inneren: Eine Nation verteidigt nicht nur Territorium, sondern auch Lebensformen, Sprache, Erinnerung und Selbstverständnis. Kulturelle Selbstachtung ist deshalb eine Form von Sicherheitspolitik. Glaubwürdig ist ein Land nur, wenn es sein eigenes Erbe kennt, seine Institutionen schützt und mit Selbstachtung, aber ohne Überheblichkeit auftritt. Genau diese Verbindung aus Verwurzelung, Qualität und offenem Austausch versuche ich politisch einzubringen.
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