Manchmal laufen Geschichten und Geschichte wie in einem Brennglase zusammen. Es ist nicht das Eine, das den Blick fesselt, es ist das Sowohl wie das Als-auch. Und erst die Bandbreite des Vorgefallenen eröffnet das wirklich Unglaubliche. Weimar ist ein solches Phänomen. Stadt der Klassik, der dichterischen und philosophischen Aufklärung: Goethe, Schiller, Klopstock, Herder – wer war nicht hier? Napoleon und Beethoven waren zu Gast. Auf diesen Spuren wandelten später Nietzsche und Thomas Mann, wie so viele. Der Ruheort der Bildungsbürger, jeder Gymnasiallehrer, vornehmlich die der „teutschen“ Sprache, wollte dort, in der Nähe seiner Meister, den Lebenssaum verbringen, Zwiesprache halten. Auch weil man die besten Tugenden zu Paten brauchte, suchte die Weimarer Republik diese urdeutsche Kulisse. Doch dort schon zerbricht das Bild der heilen Welt. Ein allzu schneller und untauglicher Versuch demokratischer Staatlichkeit, zerfressen vom empfundenen Unrecht, der Schmach des verlorenen Krieges, genauso wie von der eigentlichen Unfähigkeit zum Parlamentarismus. Was dann kam, folgt den überall aufkeimenden Bestialitäten des 20.Jahrhunderts: Verfolgung, Lager, Völkermord. Der Name „Lager Weimar“ war selbst Adolf Nazi zu sakrosankt, ein Kunstname musste her: Buchenwald. Heute vor 75 Jahren wurde eines der größten Konzentrationslager von amerikanischen Truppen befreit. Mit seinen Außenlagern, von Ohrdruf bis „Dora“ im Harz, wurde es zum Sinnbild des Unrechts auf deutschem Boden. Aber was wurde da befreit? Von wem? Und was geschah danach?
Anhand der Genesis der „literarischen Gründungsurkunde der DDR“, Bruno Apitz‘ Buch „Nackt unter Wölfen“, kann man heute, assistiert von vielsagenden Archiveinblicken, ein ganzes Panorama geschichtsverfälschender Lügen erfahren. Die Amerikaner befreiten ein Lager, in dem deutsche Kommunisten die Handlanger der SS gewesen sind. Das Kapo-System reichte von der Eigensicherung über die Beseitigung unliebsamer Mitgefangener bis zu Mord und Totschlag auf Befehl und wohl auch aus eigenem Antrieb. Von den vielen zig-Tausend Toten waren deswegen nur unter 100 Kommunisten. Die Amerikaner wie später auch die Russen waren nach Verhören der „roten“ Täter so schockiert, dass sie einen großen Teil mit in Kriegsgefangenschaft abtransportierten. Ines Geipel berichtet in ihrem Buch „Gesperrte Akte“, dass selbst Phenolinjektionen in die Herzkammer von Häftlingen – von deutschen Kommunisten ausgeführt wurden. Die DDR versuchte, musste diese Geschichte umschreiben. Die an Pieck und Grotewohl überstellten Kommunisten-Verbrecher wurden aber nicht verurteilt. Ihre Aussagen wurden zu Protokoll genommen und dienten als Garanten lebenslanger loyaler Gefolgschaft. Die späteren Funktionäre wurden als Geiseln ihrer Arbeitergeschichte in den Aufbau des DDR-Sozialismus in leitenden Stellungen einbezogen – als Männer mit Tatkraft gewissermaßen.
Bruno Apitz hatte deswegen seinen Roman mehrfach umzuschreiben, aus dem Tatsachenbericht wurde ein staatlich zensierter und propagandistisch ausgeschmückter Mythos, in dem alles vorkam – nur eben keine Wahrheit mehr. Auf die später an Apitz gestellte Frage, wer eigentlich sein Lektor beim Schreiben dieses Buches gewesen sei, antwortete der Vorzeigeliterat auch sarkastisch: „Walter Ulbricht“.
Die Russen hatten inzwischen das KZ Buchenwald wieder in Betrieb genommen. Es diente der Internierung und Beseitigung von „NS-belasteten“ Deutschen, vom Kriegsverbrecher über den Mitläufer bis zum unschuldig Denunzierten. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland nutzte es als „Speziallager Nr. 2“ für politische Gefangene des Volkskommissariats für Inneres (NKWD). Wikipedia schreibt darüber: „Der Inhaftierung gingen Verhöre voraus, die oft unter Anwendung von Folter stattfanden. Fanden sich dabei Anhaltspunkte, die den sowjetischen Sicherheitskräften verdächtig vorkamen, folgten Verfahren vor sowjetischen Tribunalen mit strengen Urteilen und Einweisung in Strafanstalten oder Deportation nach Sibirien. Der große Rest der nicht Verurteilten wurde in den Speziallagern festgehalten.
Gemäß der stalinistischen Herrschaft des Terrors gegen Andersdenkende wurden in der Zeit von 1945 bis 1950 auch immer mehr Sozialdemokraten, Bauern, „Junker“ und andere vermeintliche oder tatsächliche Gegner des sich entwickelnden SED-Regimes interniert, darunter auch ehemalige Insassen des vormaligen Konzentrationslagers sowie willkürlich Denunzierte, der Zusammenarbeit oder Sympathie mit dem Westen Verdächtige und Jugendliche.
Es ging den Machthabern dabei insbesondere auch um die Verfolgung Missliebiger aus dem Bürgertum, die zur Durchsetzung des Arbeiter- und Bauernstaates ausgeschaltet werden sollten.“
Das alles hat nichts mit Relativierung zu tun. Es macht keinen Sinn, sich ein Auge zuzuhalten um angeblich besser sehen zu können. Jedes Kind weiß, dass dann jede Tiefenschärfe verloren geht, Vorder- und Hintergrund verwischen. Es ist eine deutsche Tugend, die Dinge um ihrer selbst Willen zu betreiben. Und wir müssen uns eingestehen, dass diese Tugend Licht- und Schattenseiten hat. Wir dürfen dazu keine Schuld, müssen aber die Verantwortung an künftige Generationen weitergeben.
Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Ereignisse in Thüringen wurde mit dem ausgestreckten Zeigefinger und moralinsaurer Überheblichkeit der Geist von Weimar, die Lehren aus und die Verantwortung für deutsche Geschichte beschworen. Dabei haben die Linken aber vergessen – sie waren auf das Ekelhafteste darin verstrickt.
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