Krisen legen Brüche offen, das war schon immer so. Was Corona wirklich bedeutet, werden wir erst in einigen Jahren sehen. Das Unbehagen allerdings wächst, allzu offensichtlich fehlt da die Verhältnismäßigkeit zwischen Anlass und Reaktion. Und bei den vielen zusätzlichen Milliarden aus den Füllhörnern vom Steuerzahler und der Druckerpresse fällt auf, dass besonders die Kultur eine unnötige und auch wieder unverhältnismäßige Not leidet. Von den Tausenden Schaustellern bis zu den Theaterbetreibern, Orchestern, Festspielen, Kinos und Clubbesitzern, den Rockbühnen, Dichterlesungs-Veranstaltern und anderer Kirmes – alle leiden sie an einer staatlichen Willkür der Extraklasse. Zwar wären sie zusammen gut für den zweitwichtigsten Erwerbszweig unseres Landes – aber Jeder weiß, hier wird sehr individuell gelebt und gerade auch gestorben. Warum also?

Die bisher ausgereichten Mittel der Corona-Soforthilfe wurden (Stand Anfang September) bisher nur zu ca. zwanzig Prozent abgerufen. Die Vergaberichtlinien gehen an der Realität in weiten Stücken vorbei. Das „Neustart“-Konzept der Kulturstaatsministerin setzt überwiegend auf infrastrukturelle Ertüchtigung. Auch hier finden sich keine Schauspieler, Musiker, Bühnenarbeiter, Agenturen und Vermarkter aufgehoben. Geld wäre da, auch mehr als bis jetzt bereitgestellt. Warum aber Menschen 8 Stunden in einem Flugzeug zusammen einen Film schauen können und keine zwei Stunden in einem Kino, wurde bisher nicht erklärt. Vermutlich, weil es für irrationales Verwaltungshandeln sowieso keine Erklärung gibt. Oder doch?

Gehen wir ein wenig in der Zeit zurück und rufen uns eine urdeutsche Maxime ins Bewusstsein. Es handelt sich hier um die erste und die letzte Zeile aus Johann Gottfried Seumes Volkslied „Die Gesänge“: „Wo man singet, lass dich ruhig nieder, / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder. “ Deutschland ist – neben vielem Anderen – das Land der Musik. Erst Musik verändert unsere Kommunikation. Sie bereichert Gefühle, sie verbindet sich mit Erinnerungen, schafft Verständnis, beginnt dann zu erzählen, wenn Worte schon lange nichts mehr sagen können. Sie ist international und ist sehr wahrscheinlich die Grundlage für so viele Tugenden. Ohne Musik keine Philosophie, ohne Philosophie keine Aufklärung, ohne Aufklärung keine Säkularisierung, ohne Säkularisierung keine industrielle Revolution, ohne diese kein Sozialstaat, keine soziale Marktwirtschaft, kein Wirtschaftswunder. Alles steht und fällt mit Martin Luther: „Ein Schulmeister muss singen können, sonst schaue ich ihn nicht an.“ Bildung hat musisch zu sein, sensibel, erzieherisch, eine moralische Anstalt. Von hier aus ist es nur ein Katzensprung bis zu einem selbstbestimmten Leben in Freiheit, dem Gebrauch des eigenen Verstandes, der Besinnung auf Werte und Identität.

In der Kunst verdichtet sich überdies die Suche nach Wahrheit. Einer Wahrheit, welche dem Leben erst Sinn zu geben vermag – über das absehbare Ende hinaus. Denn was bleibt uns? Und was bleibt von uns? Gemessen an dem, was in den zivilisierten Gesellschaften während einer Lebensspanne wichtig dünkt, leuchtet nur die Kraft der Kunst, klingt die Musik über Generationen. Vor allem jene, die sich unter Entbehrungen in ihrer Zeit behaupten musste: gegen die Ignoranz und Trivialität des Hier und Jetzt. Gegen die Aufrechnung in Kosten und Nutzen. Das Abendland ist unser Arkadien.

Dieses Europa ist in seiner Vielfalt national geprägt, wer wollte das bestreiten. Und von seiner nationalen Wirkmächtigkeit her war es das deutsche Wesen, was immer wieder aufs Neue zum weltweiten Exportschlager wurde. Weder kolonialer Zwang noch militärische Überlegenheit hat das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch oder die Bismarcksche Sozialgesetzgebung in andere Länder drücken müssen. Diese wie viele andere Entwicklungen benötigten lediglich die Stärke ihrer Argumente, das deutsche Wesen, nachdem die Dinge bis zum Ende, um ihrer selbst willen und oft zur höchsten Blüte gedacht worden sind.

Wie groß waren Schock und Ratlosigkeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges aber, nach Naziverbrechen und Holocaust? Die Kontaminierung der deutschen Sprache durch die singulären Verbrechen der Deutschen hatte Heinrich Mann bereits 1947, von seinem kalifornischen Zufluchtsort aus, erkannt: „Keine Täuschung! Wer jemals deutsch schrieb, deutschen Ruf erwarb, ist in Gesellschaft aller Deutschen ohne Ausnahme mitgenommen worden nach Kiew und Majdanek.“ Die Verbrechen und ihre Unvergleichbarkeit werfen, Mann zufolge, eben nicht nur einen Schatten voraus, auf die Zukunftsfähigkeit deutscher Kultur im Nachraum solcher Vernichtung, sondern nicht weniger auch einen Schatten zurück, auf eine Kultur, die in eine solche Gegenwart hatte münden können. Es ist diese unlösbare Verknüpfung deutscher Sprache und Kultur mit der Faktizität der Vernichtungspolitik und ihrem langen Nachleben, die die entscheidende Differenz in den Voraussetzungen deutscher Kultur nach 1945 zu jenen der anderen europäischen Kulturen der Nachkriegsjahre erst bildet.

Das Unbehagen, ausgerechnet diese höchste Blüte europäischer Geistigkeit habe die Verbrechen nicht verhindern können, verselbstständigte sich in Deutschland selbst bis zur Behauptung, sie sei überhaupt erst die Vorrausetzung für sie gewesen. Alles kulturell Deutsche münde im Holocaust, strebe zu diesem Menschheitsverbrechen, sei am Ende mit dem Dritten Reich verwoben wie Wagner und Hitler. Die Welt als Bühne deutscher Kopfgeburten ließ nur einen Schluss zu: Sie müsse von diesen befreit werden. Die heutige Woge kultureller deutscher Selbstverleugnung, vom Wunsch der Aufgabe des Deutschen in Europa bis hin zum Hass auf das Eigene zugunsten einer merkwürdigen Auslöschungssehnsucht durch Fremdes und Fremde, hier nimmt sie ihren Anfang. Paradox daran erscheint das schon von Sieferle diagnostizierte „Herausgehobensein“ des Deutschen und des Jüdischen aus dem Fluss der Menschheitsgeschichte. Während die Geschehnisse der vermaledeiten zwölf Jahre den Absturz der einen Identität erst begründete, führten sie – umgekehrt zur ursprünglichen Intention -zur Festigung und Stärkung der zweiten. Niemand auf der heutigen Welt zweifelt ernsthaft an Vorhandensein und Rechtmäßigkeit jüdischer Identität.

Schäuble und die anderen vermeintlichen Vordenker einer deutsch-freien Zukunft wittern nun ihre Chance, im Windschatten der Corona-Krise, „Dinge durchzusetzen, an denen wir bisher gescheitert sind.“ Beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist man schon konkreter und spricht vom „global reset“, Biden nennt es „the transformation of our world“.

Auch wenn vor einigen Jahren derlei Gedanken als Verschwörungsfantasien gegolten haben, heute liegen die Veränderungen bereits auf der Hand. Es geht neben Waren- und Geld- um freien Personenverkehr, Migration, eine gigantische Verteilung von Nord nach Süd und von oben nach unten – wobei ganz oben dabei natürlich ausgenommen bleibt. Kultur in den Ziel- und Geberländern, national geprägte zumal, ist das zentrale Hindernis bei diesem undemokratischen Vorhaben.

Ohne Kultur keine Identität! Deswegen sind plötzlich Orchester in ihrer Zusammensetzung rassistisch, deswegen sind Bachs Oratorien antisemitisch und Beethovens Werke so überflüssig wie so viele andere anderer „weißer Männer“. Zwar ruft keiner nach einer Chinesen -Quote bei Blues oder Rap, auch ist eine MexikanerInnen-Quote dem japanischen Kabuki-Theater unbekannt. Warum?

Es muss keine Quote in diesen Genres geben, denn es sind keine europäischen und schon gar keine deutschen Domänen. Nicht Teilhabe ist das Ziel, sondern Degradierung in die Beliebigkeit. So wie in den NGO’s die Herkunftsländer der globalen Migration mit ihrer Mehrheit ganz demokratisch über die Politik der Zielländer und damit über deren Auslöschung befinden, so befördern Gremien mit maximaler Kulturferne die Verwässerung und Abschaffung unserer Kultur. Langsam, aber stetig.

Am Anfang stehlen sie die notwendigen Resonanzräume: Jedes Schulkind weiß, dass zuerst der Musikunterricht ausfällt. Der Kampf gegen „Rächts“ impliziert die Verengung deutscher Geschichte auf wenige Jahre, ihre immerwährende Wiederholung will Verantwortung durch Schuld ersetzen. Die Abschaffung des Leistungsprinzips ersetzt das über Jahrhunderte gepflegte Streben durch Beliebigkeit, Wissen durch Haltung, Erbauung durch Stumpfsinn. Ein Volk, das nicht mehr denken kann, hat keine Zukunft. Die Abnahme der IQ und der Verlust im Ranking von PISA sind bekannt und evident. Eine irrig beschworene „Schicksalsgemeinschaft mit Afrika“ erledigt dann den Rest. Wir erinnern uns an Scholl-Latour: „Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft diesem nicht, sondern wird selbst Kalkutta.“

Das Ganze ist kein Zufall. „Politics is downstream from culture.!” Die Verengung der Meinungskorridore, “cancel-culture”, macht selbst die öffentliche Reflexion darüber nahezu unmöglich. Der Neustart hierzulande wird wohl ein links-geführtes Bundeskulturministerium ebenso umfassen wie die damit verbundene völlige Neudefinition dessen, was Kultur künftig zu sein hat. Wer mag, kann Teile davon schon in einem Elaborat nachlesen, dessen Name die Thesen darin geradezu prophetisch vorwegnimmt: „Der Kulturinfarkt“. Man hat selten mehr Einfalt zwischen zwei Buchdeckel gepackt.

„Wir sind mehr!“ hat die versammelte Gemeinde der recht- und damit links-gläubigen Kulturinstitutionen vor einigen Monaten getitelt. Mehr was? – hat man sich schon damals gefragt. Die Antwort heute ist ganz klar: Mehr verblendet und mehr begriffsstutzig. Und deswegen auch: Mehr untergangsgefährdet als jemals zuvor.

12.Oktober 2020